Kunstverleih: ein spezifischer Fall von Kunstvermittlung Hinweisschild in Wiesbaden. Foto M. Heym

Am Beginn steht ein konkretes Beispiel: die formelle Anfrage der Abgeordneten Christine Muttonen an den österreichischen Bundeskanzler 2001. Es geht um Fragen zur Artothek des österreichischen Staats. (gemeint ist nicht etwa eine der beiden öffentlich zugänglichen Artotheken in Österreich, sondern die aus Staatsankäufen entstandene Sammlung, eine "Firmenartothek" des Staates, da der Bund nur an Bundesdienststellen Kunstwerke verleiht.)

 

Die ersten Fragen gehen eindeutig in Richtung Finanzmanagement und Wahrnehmung der Kunstförderung. Es schließen sich Fragen über die Entscheidungspersonen an. Unterschwellig wird hierbei auch nach deren politischen und sozialen Hintergrund geforscht, da diese Personen zu einem erheblichen Teil über die Qualität und somit auch über die Verbreitung eines Künstlers bestimmen. Die Öffentlichkeit einer solchen Sammlung ist natürlich nicht unwichtig in einer Demokratie. Nach Dokumentationen und Belegen, in Katalogen und auf dem Internet, wird gefragt, damit die Bürger sich ein Bild machen könnten von den Tätigkeiten des Kunstförderungsbeirates. Gleichzeitig impliziert ist der Gedanke der Rechtfertigung. Organisatorisch-strukturelle Fragen: die Innere Struktur und die Organistation der Zweigstellen der Staatsartothek, welche doch schon augenscheinlich große Unterschiede aufweist, erfordern auch einer gewissen Klärung. Schließlich runden Fragen nach den Leihbedingungen den Bogen ab.

Bemerkung zur kulturpolitischen Bedeutung dieser Anfrage: Es fällt generell auf, dass die Schreiberin dieses parlamentarischen Materials überaus informiert über die Situation der Artothek war. Keine Fragen läßt eine Lücke zum Ausweichen, kein Aspekt eines Sachverhaltes wurde vergessen. Systematisch gehen die Fragen vor und kämpfen sich in die Tiefe des bürokratischen / politischen Dschungels vor, um dort Antworten und Rechtfertigungen zu finden, auf zuvor Recherchiertes.  

Dem Seminar gibt diese analytische Arbeitsmethode Gelegenheit, aufgrund der Richtungen der Fragen Funktionstypologien des Kunstverleihs analysieren.

Annäherung an den Kunstverleih über Funktionstypologien: Leihen - Borgen - Mieten - Leasen - Kaufen - Schenken  

Begriff Kunstgeschichtliche Beispiele Definition Vor- und Nachteile
Leihen Dauerleihgaben von Sammlern
Leihverkehr zwischen Museen
Leihgaben für Ausstellungen
Artothek deutschen Vorbilds
Franz Roh: Bilderleihstelle, Berlin 1952 (heute allerdings meist Leihgebühren)
BGB: unentgeltliches Verleihen einer Sache, besonderes Vertrauensverhältnis, wegen der wertschonenden Behandlung, Rückgabeverpflichtung; Pfandleihe, "Lend me Your ear", Lehenssystem, Leihmutter, Leihstimmen Materieller Wert und ideeller Wert getrennt, freier Zugang (Diskussion um Eintrittspreise)
Mieten

Artothek niederländischen Vorbilds (2% Kaufsumme)

Arthur Segal, Berlin 1920er Jahre

zur nützlichen Verfügung stellen gegen kostendeckendes Entgelt (Mietzins), (vergl. Auto, Gebäude ...) Unterschied Besitz - Eigentum Wertbewußtsein deutlicher
Leasen 1955 SBK, Amsterdam NL Artothek niederländischen Vorbilds (2% Kaufsumme, "Sparkonto") Miete, bei der ein Teil des Mietzinses in den Kauf geht (Mietkauf). Mischform; Entwicklungsmöglichkeiten des Vermittlungverhältnisses offen
Kaufen Seit jeher, Kunsthandel und Galerie (mit einem "Programm", d.h. längerfristiger vertraglicher Bindung an KünstlerInnen)
Selbstvermarktung (Dürers Frau)
Eigentumsübertragung gegen Bezahlung Eigentum (beim Sammler) und "Programm" bei Galerien bringt hohe Identifikation ("wie über Antennen verbunden"
Beraten Idealistisch: seit es Kunstkennerschaft gibt (Reynolds, Winckelmann, Duchamp)
kommerziell: als Art consultants (hier aber gegen mitunter hohe Gebühren)
Herbeiführen einer Informations-, Besitz- oder Eigentumsübertragung, ggf. Verhindern derselben Primat der Information über die kommerzielle Basis, wesentlich geringere Kosten für vermittelnde Infrastruktur gegenüber Handel
Schenken   Eigentumsübertragung ohne direkte materielle Gegenleistung, kann aber durchaus Ausdruck einer sozialen oder moralischen Verpflichtung
Fürstenbildnisse seit der Renaissance

Literatur