Rudolf Bonvie

Vieles wirkt bedrohlich, schwer auszumachen und ein wenig technisch in den Fotografien Rudolf Bonvies. Manches scheint auf einfache Weise aus einem realen Zusammenhang herausgelesen zu sein, zu einem Foto geworden, formal sehr präzise präsentiert und damit in einen weiteren Kreislauf der Betrachtung und Überlegung eingeschleust. Manches wird zu einer ausdrücklich tendenziellen und politischen Aussage, die sich engagiert einmischt.

Die Art und Weise, wie Rudolf Bonvie die Fotografie einsetzt, ist mit gutem Grund facettenreich. Eine solche künstlerische Verwendung des Mediums hat schon im Vorhinein immer viel heftigere Auseinandersetzungen mit eingefahrenen Gewohnheiten der Betrachtenden zu erwarten als die Malerei: fast jeder hat einen Fotoapparat im Besitz, fast jeder hat diese Maschine zur Bilderzeugung schon bedient. In der Hand eines Künstlers wird diese vergleichsweise einfache Handhabung zur Hypothek. Rudolf Bonvie setzt sich auf umfassende Weise mit diesen Nachbarschaften auseinander. Ein familienbildartiger Schnappschuss des lachenden sechzehnjährigen Bonvie mit Moped, wird zu einer solchen Aufgabe. Wieder und wieder stellt der Künstler diese Situation in ähnlicher Pose an der gleichen Hausecke neu; neben der Kleidung ändern sich mit den Jahrzehnten seine Züge, sein Gesichtsausdruck, mit dem er dem Betrachter entgegen tritt. Stärker ändert sich jedoch der inhaltliche Charakter: was als Schnappschuß begann, wird zu einem konzeptuellen Kunstwerk, das den Künstler als Individuum ebenso in Frage stellt wie die Aussagefähigkeit des Porträts.

"Rhapsodie nucléaire" betitelte Bonvie einen zentralen Zyklus seiner Arbeiten, der sich in sehr unterschiedlichen Medien von der Radierung über die Fotografie bis hin zu öffentlichen Plakataktionen mit Bildern von Atommeilern auseinandersetzte. Es ist naheliegend, diese Haltung mit den medien- und technologiekritischen Wiederaufnahmen von Pressematerial oder seinen jüngeren bildlichen Auseinandersetzungen mit dem Softwaremogul Bill Gates in Verbindung zu sehen - und daraus eine grundsätzlich immer politische Tendenz für Bonvies Arbeiten zu folgern. Jedoch zeichnet jede seiner Arbeiten gleichzeitig auch ein sehr präzise gehandhabtes Nachdenken über die gestalterische Form aus. Ob es die Auseinandersetzung mit der Farbfotografie ist, von der Bonvie zurückhaltend Gebrauch macht, mit der digitalen Bildverarbeitung: ein wichtiger Aspekt ist, welche ihm zur Verfügung gestellten Möglichkeiten er nutzt - oder eben nicht nutzt. Das Gleiche gilt für die Weise, wie seine Arbeiten gerahmt und präsentiert sind.

Der spiegelnde Effekt beispielsweise, den - zumal dunkle - Fotos unter Glas oft bekommen, ist dann Ausgangspunkt für Bilder, deren Frontglas tatsächlich aus Spiegeln entstanden ist. Die knapp zurückgelassenen Spuren dieser Herkunft spiegeln real und markieren so grundsätzliche materielle wie funktionale Fragestellungen der Fotografie: das Bromsilber ebenso wie die immer noch gern geglaubte Wiedergabetreue des Abgelichteten. "Fotoarbeit", wie er seine Werke oftmals lakonisch bezeichnet, bedeutet nicht nur eine technische Eingrenzung, sondern immer auch eine grundsätzliche formale wie auch gesellschaftliche Aufgabenstellung.

Johannes Stahl, 10/96

 

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