Laszlo Moholy-Nagy

Laszlo Moholy-Nagy hat während seines gesamten künstlerischen Schaffens Theorien über die Funktion und Vermittlung von Kunst aufgestellt. Hauptsächlich beschäftigte er sich mit dem Fortschritt der Technologie und ihrem Einfluß auf das Leben und die Wahrnehmung der Menschen. Die Aufgabe von Kunst sah er darin, die Fremdheit und Bedrohlichkeit des automatisierten Lebens umzuformen und dem individuellen Gebrauch zu erschließen.

In seinem Aufsatz "Produktion Reproduktion" von 1922 beschreibt er denn auch die biologischen Bedingungen für die Entwicklung der Kunst (1): Die menschlichen Funktionsapparate drängen nach jedem Sinneseindruck zu einem weiteren. So darf Kunst nicht mehr nur reproduzieren, sondern muß produktiv sein. Folglich müssen künstlerische Apparate nicht zur Reproduktion, sondern zur Produktion genutzt werden. Als Beispiel nennt er die Grammofonplatte, in die der Künstler selbst Rillen einkratzt und somit keine bereits gehörten Töne widergibt, sondern selbst neue, vorher nicht dagewesene Töne produziert. Gleichzeitig gewinnt der Künstler nun die Macht über einen sonst automatisierten Prozeß.

Das wichtigste Medium stellte für Moholy-Nagy die Fotografie dar, auf deren Grundlage seine Theorien zu weiteren Bereichen der Kunst aufbauen. Zum einen fertigte er zahlreiche Fotogramme an und nutzte somit die silberbeschichtete Platte produktiv, anstatt ein Bild aus der Natur zu reproduzieren. Andererseits sah er die Kamera als Hilfsmittel zum objektiven Sehen. Während das menschliche Auge aufgrund der Wahrnehmungserfahrung die Dinge immer wieder "ins rechte Licht rückt", gibt das Objektiv seinem Namen gerecht werdend - ein "objektives" Bild wider. Dies wird besonders durch Verzerrungen, z.B. bei starker Untersicht, deutlich. Moholy-Nagy sah in der objektiven Darstellung die Grundlage für eine subjektive Stellungnahme des Betrachters. Somit agierte er in der Funktion des Künstlers als "anonymer Agent" des Publikums, welches letztendlich in den Werken eigene Ausdruckswünsche projeziert sehen sollte.

Neben der Kamerafotografie und den Fotogrammen beschäftigte sich Moholy-Nagy mit weiteren lichtbildnerischen Erscheinungsformen. Zunächst sei die Fotoplastik genannt.

Durch Zusammensetzen von Fotografien versuchte er, zu einer simultanen Darstellung zu gelangen. Dabei bediente er sich auch den Mitteln der Grafik, indem er durch Linien Nähe und Ferne zwischen den freischwebenden Figuren definierte.

Auch in der Typografie versuchte Moholy-Nagy, durch Einfügen von Fotografie zu einer neuen Sichtweise zu gelangen. Er nannte diese Form der Informationsverbreitung Typofoto, zusammengesetzt aus den Begriffen "Typografie" und "Fotografie". Die somit erzeugte Simultaneität der optischen Eindrücke kann nun Informationen unmittelbar visuell übertragen. Mit Hilfe der Fotografie beschleunigt der Typograf auch das Tempo der Wahrnehmung und paßt sie der Schnelligkeit des technischen Fortschritts an.

Eine Steigerung der Fotografie sah Moholy-Nagy im Film: Da das Licht selbst nicht statisch ist, finden Lichterscheinungen folglich im Film eine angemessenere Wiedergabe. Seine Vorstellung von Film ging jedoch schon einen Schritt weiter. In der Idee des simultanen Kinos bzw. des Polykinos steckte die Vorstellung, die Projektionsflächen in verschiedene schräg lagernde Flächen und Wölbungen zu unterteilen. Nun können mehrere Filme gleichzeitig über die Projektionsfläche laufen, die an einem bestimmten Punkt zusammentreffen, sich überlagern und somit eine Geschichte von verschiedenen Gesichtspunkten zeigen. Diesen Gedanken fortführend, war das Polykino auch für ungegenständliche Lichtprojektionen geeignet.

1920 stellte Moholy-Nagy den Licht-Raum-Modulator anläßlich der Werkbund-Ausstellung in Paris aus. Dies war ein Apparat zur Demonstration von Lichterscheinungen in Bewegung. Es handelte sich um einen Kasten, in dem farbige Glühbirnen angebracht waren, die einen sich kontinuierlich bewegenden Mechanismus beleuchteten. Dieser Mechanismus bestand wie die Requisiten für die Fotogramme aus durchsichtigen und durchbrochenen Materialien, so daß sich auf der Rückwand des Kastens oder aber an der Wand des Raumes interessante Schattenbildungen ergaben. Somit schuf Moholy-Nagy zwei Arten von Kunstwerken: das Objekt selbst und die rein virtuelle Erfassung der Lichterscheinungen im Raum. Zunächst sollte der Licht-Raum-Modulator im Theater, auf Volksfesten oder in der Reklame Verwendung finden; Moholy-Nagy's Zukunftsvision war es, derartige Lichtspiele durch das Radio zu übertragen. Die Empfänger sollten Beleuchtungsapparate besitzen, die von der Radiozentrale mit elektrisch regulierbaren Farbfiltern ferngelenkt werden. In diesen Gedanken entwickelte er bereits die Vorstellung von Fernsehen, das wenig später, in den Fünfziger Jahren seine Verwendung fand.

Die Funktion des Künstlers ändert sich durch den Einzug der Technik in die Kunst. Der Künstler ist für den schöpferischen, geistigen Prozeß zuständig. Der Ausführungsprozeß ist nur insofern wichtig, als daß er perfekt beherrscht werden muß. Das heißt, man kann an entscheidener Stelle die Aufgaben weiterleiten, und die Hilfe z.B. eines Technikers in Anspruch nehmen. So war es Moholy-Nagy's Frau Lucia, die hauptsächlich für die Entwicklung der Fotogramme und Fotografien zuständig war. Sie ist somit maßgeblich an der Kunst ihres Mannes beteiligt gewesen.

Die technischen Vervielfältigungsmöglichkeiten, wie Buchdruck und Lichtdruck haben Wege geöffnet, Originalen Verbreitung zu verschaffen. Moholy-Nagy hatte jedoch die Vorstellung, Bilder nicht als "toten Zimmerschmuck"(2) zu benutzen. Vielmehr sollten Originale in sogenannten Haus-Pinakotheken aufbewahrt werden, wo sie nur bei wirklichem Bedürfnis hervorgeholt werden.

Die moderne Optik und Akustik können nur von Menschen wahrgenommen werden, die offen für die Gegenwart sind. Hier sieht Moholy-Nagy einen Vorteil für die Stadtmenschen darin, daß sie im alltäglichen Leben bereits mit der Simultaneität der Sinneseindrücke konfrontiert werden. Die Wahrnehmungsorgane sind in ihrer akustischen und optischen Funktion erweitert.

Der Mensch wird selbst zum aktiven Faktor, denn der gesteigerte Zeitfaktor der Wahrnehmung erfordert einen aktiven Zustand des Betrachters. Anstelle eines langsamen Hineinversinkens in ein konventionelles Tafelbild erfordert die Lichtgestaltung ein sofortiges Erfassen des Gesehenen.

Susann Kosa

Bibliographie

Von Moholy-Nagy

Lászlò Moholy-Nagy: Képeskönty (Bilderbuch), Wien 1921

Lajos Kassák, Lászlò Moholy-Nagy: Buch neuer Künstler, Wien, Budapest 1922

Lászlò Moholy-Nagy: Malerei, Photographie, Film, Bauhausbuch Nr.8, München 1925; Zweite veränderte Auflage: Malerei, Fotografie, Film, München 1927

Lászlò Moholy-Nagy: Von Material zu Architektur, Bauhausbuch Nr.14, München 1929

Lászlò Moholy-Nagy: Vision in Motion, Chicago 1947

 

Über Moholy-Nagy

Brüning, Ute (Hrsg.): Das A und O des Bauhauses, Bauhaus-Archiv Berlin 1995

Haus, Andreas: Lászlò Moholy-Nagy. Fotos und Fotogramme, München 1978

Moholy-Nagy, Lászlò: Malerei, Photographie, Film, Bauhausbuch Nr.8, München 1925; Zweite veränderte Auflage: Malerei, Fotografie, Film, München 1927; Faksimile-Nachdruck nach der Ausgabe von 1927, Mainz 1967

Lászlò Moholy-Nagy. Fotogramme 1922 1943. Katalog zur Ausstellung aus der Sammlung des Musée national d'art moderne Centre de création industrielle, Centre Georges Pompidou, Paris und des Museums Folkwang, Essen, Paris/Essen 1996

Weitemeier, Hannah: Licht-Visionen, Bauhaus-Archiv Berlin 1972

 

1 Lászlò Moholy-Nagy: Malerei, Photographie, Film, Bauhausbuch Nr.8, München 1925; Zweite veränderte Auflage: Malerei, Fotografie, Film, München 1927, S. 28

2 Lászlò Moholy-Nagy: Malerei, Photographie, Film, Bauhausbuch Nr.8, München 1925; Zweite veränderte Auflage: Malerei, Fotografie, Film, München 1927, S. 23